Musizieren mit Flügeltönen

Flügelton Zentrum

Flügelton® — Lebendiger Einstieg in das Instrumentalspiel

Im Instrumentalunterricht sorgen Musiknoten für transparente Lernstrukturen und die Überprüfbarkeit der Handlungsabläufe. Aufgrund ihrer Komplexität lenken sie aber zu Beginn vom Wesentlichen ab: Musik ist ein akustisches Phänomen und muss in ihrer Sprachfunktion wahrgenommen werden.

In der Mathematik lassen sich die Hintergründe unserer Grundrechenarten bereits mit einigen Kieselsteinen nachvollziehen. Indem die Schüler verschiedene Mengen der Steine auf unterschiedliche Arten verknüpfen, erleben sie diese Abläufe unmittelbar am eigenen Leib. Auf diesem Begreifen kann später ihr Verständnis komplexer mathematischer Zusammenhänge aufbauen.

Die Symbole der Musiknoten bleiben jedoch für viele Schüler eine Geheimsprache. Obwohl das, was sie in der Musik erleben, auf der sinnlichen Wahrnehmung von Tonbeziehungen beruht, wird das phänomenal Erlebte durch die Musiknoten nicht deutlich. Wahrnehmbare Zusammenhänge werden stattdessen ausgeblendet und verschleiert. So nehmen wir z.B. die Töne einer Melodie nicht als „C“ oder als „F“ wahr, sondern vor allem in ihrer Beziehung zum Grundton. Abstrakte, nicht wahrnehmbare Inhalte, die oft schon in den ersten Unterrichtsstunden thematisiert werden, lenken vom eigenen Empfinden nur ab.

Klavier spielen

Die Klangnotation der Flügeltöne

Die innovative Klangnotation der Flügeltöne berücksichtigt diese Erkenntnisse in der ersten instrumentalen Phase. Sie lässt die Körperlichkeit der Musizierenden nicht wie bisher außer Acht, sondern thematisiert Gedanken über Musik nur dann, wenn sie sich aus der Musikerfahrung selbst unmittelbar ableiten lassen. Denn das Tonsystem unserer westlichen Musik besitzt eine klare und leicht nachvollziehbare Struktur. Orientiert sich instrumentales Lernen am Anfang an dieser Struktur, wird erlebbar und unmittelbar verständlich:

Innerhalb einer rhythmischen Struktur und um einen zentralen Ton kreisend, erklingen die Töne unserer Musik auf sieben sich im Oktavabstand wiederholenden Tonstufen.

Vor diesem Hintergrund weisen uns Flügeltöne ganz unmittelbar auf den Klang der Musik hin. Sie verwenden eine Farbsymbolik, in der die verschiedenen tonalen Beziehungen mit je einer Farbe verknüpft werden. Beim Lesen lassen sich dadurch Tonbeziehungen und das Grundtonprinzip bewusst wahrnehmen. Werden diese Farben dann später auch mit den Musiknoten verknüpft, verändern sich die Noten jetzt ebenfalls in unserer Wahrnehmung. Nun erleben wir, wie auch dort die Musik direkt »zu uns spricht«.

Diese Brückenfunktion der Flügeltöne verdeutlicht das folgende Schaubild am Beispiel eines Liedanfangs:

Unterrichtsphasen

Albert Einstein und die Musik

Der leidenschaftliche Musiker Albert Einstein antwortete auf die Frage, ob sich denn alles auf naturwissenschaftliche Weise abbilden lasse, mit folgenden Worten: „Ja, das ist denkbar, aber es hätte doch keinen Sinn. Es wäre eine Abbildung mit inadäquaten Mitteln, so als ob man eine Beethoven-Symphonie als Luftdruckkurve darstellte.“ [1]

Im Instrumentalunterricht wird Musik nicht als Luftdruckkurve, sondern durch Noten abgebildet. Das Ergebnis ist jedoch in vielen Fällen vergleichbar. Musiknoten bleiben für viele Instrumental­schüler ähnlich abstrakt wie Einsteins Luftdruckkurve – und in den Unterrichtsräumen erklingt Kopfmusik.



  1. [1]  BORN, Max: Erinnerungen an Einstein, Physikalische Blätter, 7/1965. S. 300.

Weitere Fragen und Antworten zu den Flügeltönen:


Allgemeine Funktionsweise der Flügelton-Notation

Die in der westlichen Musik vorherrschende Dur-Moll-Tonalität besitzt zwei wesentliche Eigenschaften, die uns Musik als Musik empfinden lassen. Zum einen bindet uns ihre rhythmische Gestalt an die musikalisch-zeitliche Bewegung.

Über den Rhythmus hinaus existieren tonale Kräfte. So bezieht sich Dur-Moll-tonale Musik stets auf einen zentralen Ton. Um diesen Grundton, der als Ruhepol wahrgenommen wird, kreisen weitere Töne. Jede Abweichung vom Grundton verursacht dabei einen Spannungsaufbau, jede Rückkehr eine Entspannung. Auf diese Weise besitzen die Töne entweder eine auflösungsbedürftige Spannung oder eine Ruhe- oder auch Schlusswirkung. Der so entstehende Spannungsbogen lässt uns, verwoben mit der rhythmischen Gestalt, in die Musik eintauchen.

Sowohl Rhythmus als auch Spannungsbogen können im eigenen Spiel wahrgenommen werden. Indem Flügeltöne wesentliche Wahrnehmungsaspekte visualisieren, lassen diese sich nun nachvollziehen und verstehen. Im hörenden Erarbeiten von Musik intensiviert sich das vorhandene leibbasierte Wissen jetzt Schritt für Schritt.


Warum muss sich die erste instrumentale Lernphase verändern?

Hören wir Musik, empfangen unsere Sinne zahlreiche Informationen. Von diesen körperlichen Empfindungen nehmen wir jedoch nur sehr wenig bewusst wahr. Wir wählen das aus, was uns wichtig erscheint. Hören daher mehrere Menschen dieselbe Musik, wird sie von jedem auf eine ganz individuelle Weise wahrgenommen.

Musiknoten verwandeln diese ursprünglich subjektive Erfahrung. Durch sie wird aus einem akustischen Phänomen eine rationale Ordnung von Tönen und Zeiteinheiten. Nun erscheint die Musik plötzlich für jeden Menschen als ein und dieselbe. Indem Musiknoten das individuelle Erleben abstrahieren, blenden sie es vollständig aus. Damit das Instrumentalspiel aber lebendiger Ausdruck werden kann, benötigt es das subjektive, auch körperliche Erleben. Dies muss daher zu Beginn des Lernprozesses vertieft werden, anstatt es auszublenden.


Welchen Prinzipien folgen Flügeltöne?

Flügeltöne stellen noch nicht die Töne selbst, sondern den eigenen musikalischen Ausdruck in den Mittelpunkt. Durch ihre Funktionsweise fragen sie uns indirekt:

Wie musizierst Du?

Empfindest Du Dich im Dialog mit der Musik
oder produzierst Du ausschließlich korrekte Töne?

Realisierst Du Deine gedankliche Vorstellung von Musik
oder das, was Dir die Musik bedeutet?

Flügeltöne lehren uns auf diese Weise musikalisches Hören. Im Gegensatz zum analytischen Hören, welches sonst im Mittelpunkt des Lernens steht, wendet sich musikalisches Hören nicht an unsere Vorstellungen und Gedanken, sondern direkt an unseren Körper.

Als körperlicher Gesamtorganismus

  • nehmen wir den musikalischen Puls und das musikalische Spannungsgefüge wahr - und stellen uns all dies nicht nur gedanklich vor.
  • empfinden wir die Bedeutung der Musik – auch wenn wir sie nicht in Worte fassen können.

Daher weisen uns Flügeltöne auf Aspekte der Musik hin, die wir unmittelbar wahrnehmen können. Wir müssen nicht über Vorzeichen oder Tonarten nachdenken, um herauszufinden, welchen Ton wir spielen sollen. Wir können direkt hören, welchen Ton wir spielen müssen, wenn wir uns an der eigenen inneren Stimme orientieren.


Auf welchen Instrumenten kann mit Flügeltönen gespielt werden?

Flügeltöne wurden ausgehend vom Klavier entwickelt und erprobt. Da sie allgemeine Gesetzmäßigkeiten unserer Musik abbilden, lassen sie sich jedoch grundsätzlich für das Spiel auf jedem Melodie- und Harmonieinstrument verwenden.


Flügelton® und Solmisation

Flügeltöne greifen die musikalische Tradition der Solmisation auf. Innerhalb dieser seit dem Mittelalter bestehenden Methodik werden die sieben Tonstufen unseres Tonsystems auf sieben Sprachsilben gesungen. Der siebentönige Zyklus einer Durtonleiter wird stimmlich mit den Tonsilben do, re, mi, fa, so, la, ti und der Zyklus einer natürlichen Molltonleiter mit den Tonsilben la, ti, do, re, mi, fa, so abgebildet.

Sowohl Flügeltöne als auch Solmisation basieren somit auf den Grundsätzen einer relativen Notation. Flügeltöne ermöglichen nun im ersten Instrumentalspiel eine einfache Orientierung an diesen Grundsätzen, indem sie diese vollständig abbilden.